Werkstattgespräch: Projekt „Zukunftsbauer“ quantifiziert den gesellschaftlichen und klimatischen Wert der bayerischen Landwirtschaft

Werkstattgespräch:
Projekt „Zukunftsbauer“ quantifiziert den gesellschaftlichen und klimatischen Wert der bayerischen Landwirtschaft

 

Die bayerische Landwirtschaft steht vor der Herausforderung, ihre Rolle im Klima- und Biodiversitätsschutz unter zunehmendem gesellschaftlichem und politischem Druck neu zu definieren. Das Verbundprojekt „Zukunftsbauer“ unter Leitung von Prof. Simon Walther, Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) am Standort Freising hat erstmals den gesellschaftlichen und klimatischen Wert der bayerischen Landwirtschaft wissenschaftsbasiert quantifiziert und mit der globalen Produktion verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass die landwirtschaftliche Erzeugung in Bayern aufgrund hoher Flächeneffizienz und geringerer Emissionen einen erheblichen Klimavorteil gegenüber dem globalen Durchschnitt aufweist. Das Folgeprojekt “Zukunftsbauer 2” läuft noch bis Ende März 2027.

Vor diesem Hintergrund wollte Prof. Dr. Klaus-Peter Wilbois von seinem Fakultätskollegen Prof. Dr. Peter Breunig, der ein Teilprojekt beim “Zukunftsbauer” am Campus Triesdorf leitet, im Rahmen der “Triesdorfer Werkstattgespräche” wissen, welche politischen und betrieblichen Handlungsoptionen geeignet sind, diesen Klimavorteil zu sichern und weiter auszubauen.

Unser Foto zeigt einen Traktor auf dem Feld. © Ivory Production
© Ivory Production

Wie bewertest Du die Aussage, dass die bayerische Landwirtschaft im globalen Vergleich einen deutlichen Klimavorteil erzielt – insbesondere durch höhere Flächenerträge?

Im Projekt berücksichtigen wir neben den landwirtschaftlichen Produktionsemissionen auch sogenannte Kohlenstoff Opportunitätskosten. Sie beschreiben den entgangenen Klimanutzen, der entsteht, wenn Land genutzt wird und dadurch seine natürliche Kohlenstoffspeicherfunktion verliert bzw. verringert. Diese Kosten verstehen wir als Teil der Klimawirkung, vergleichbar mit Lohn , Pacht  oder Zinsansätzen in der Betriebslehre. Wie diese stellen sie keine realen Ströme dar, beeinflussen aber maßgeblich Entscheidungen bezüglich der Effizienz. Werden Kohlenstoff Opportunitätskosten nicht einbezogen, wird die knappe Ressource Fläche ineffizient genutzt. Ihre Berücksichtigung ermöglicht Landnutzungsentscheidungen, die aus Klimaschutzsicht optimal sind. Bei landwirtschaftlichen Produkten übersteigen die Kohlenstoff Opportunitätskosten in der Regel die Produktionsemissionen deutlich und variieren stark zwischen Regionen.

Mit ihrer Einbeziehung steigt der Klimavorteil einer effizienten Landnutzung, etwa durch hohe Erträge im Pflanzenbau und eine hohe Futtereffizienz in der Tierhaltung. Hier hat Bayern klare Vorteile gegenüber dem globalen Durchschnitt; auch die Produktionsemissionen liegen international auf niedrigem Niveau. Unsere Berechnungen zeigen, dass die Klimakosten (Produktionsemissionen plus Kohlenstoff Opportunitätskosten) etwa dreimal so hoch wären, wenn die Erzeugnisse der bayerischen Landwirtschaft im globalen Durchschnitt produziert würden.

 

Welche Faktoren sind aus Deiner Sicht entscheidend, dass Bayern – im Vergleich zu anderen Regionen – geringere Produktionsemissionen aufweist?

Der wichtigste Treiber der Unterschiede bei den Produktionsemissionen sind die Methanemissionen aus der Rinderhaltung. Aufgrund höherer Leistungen sind diese in Bayern pro Kilogramm Milch und Rindfleisch deutlich geringer. Im globalen Durchschnitt liegen die Produktionsemissionen bei Rindfleisch rund dreieinhalbmal und bei Milch etwa doppelt so hoch wie in Bayern.

 

Inwiefern spiegeln die Ergebnisse auf Betriebsebene Deine Erfahrungen aus der Praxis wider – insbesondere die Unterschiede zwischen konventionellen, tierhaltenden und ökologischen Betrieben?

Hier läuft die Forschung noch und wir müssen die Ergebnisse abwarten.

 

Wie schätzt Du das Einsparpotenzial bei Futtereffizienz, Methanreduktion und Düngermanagement für einen durchschnittlichen bayerischen Betrieb ein?

Auf Basis von Literaturanalysen und Expertengesprächen gehen wir davon aus, dass durch die Reduktion von Futterverlusten, insbesondere in der Rinderhaltung, ca. 20 % der Emissionen der Futtererzeugung eingespart werden können. Durch verschiedene Maßnahmen nehmen wir an, langfristig 35 % der Methanemissionen reduzieren zu können. Bei den Emissionen der mineralischen und organischen Stickstoffdüngung sehen wir ein Potenzial für eine bis zu ca. 60 %-ige Reduktion von Treibhausgasen.

 

Welche politischen Maßnahmen wären aus Deiner Sicht notwendig, um die empfohlenen Optimierungen – besonders in den Bereichen Fütterung, Tiergesundheit und Düngung – wirksam zu unterstützen?

Sinnvoll sind ergebnisbasierte Ansätze mit Schwellenwerten, die Anreize zur Weiterentwicklung von Produktionssystemen setzen. Ein Beispiel ist die Treibhausgasbepreisung der Tierhaltung in Dänemark: Eine Abgabe pro Tonne CO₂ Äquivalent fällt nur für Emissionen an, die über 60 % des aktuellen Durchschnitts liegen. Betriebe, die ihre Emissionen um 40 % senken, zahlen keine CO₂ Abgabe. Dadurch entstehen klare Minderungsanreize, ohne die Wettbewerbsfähigkeit nach erfolgter Reduktion zu beeinträchtigen. Vergleichbare Schwellenansätze wären auch im Bereich der Düngung denkbar, etwa für Emissionen aus der Stickstoffdüngung unter Berücksichtigung von Stickstoffnutzungseffizienz, Applikationsform, Düngerart und Emissionen aus der Herstellung. Tiergesundheit ist nicht Gegenstand unserer Forschung; klar ist jedoch, dass eine verbesserte Tiergesundheit Tierverluste und krankheitsbedingte Ertragseinbußen reduziert.

 

Wie könnte Deiner Meinung nach die gesellschaftliche Wertschätzung der Landwirtschaft steigen, wenn die Klimavorteile stärker kommuniziert würden?

Ich denke, dass allein die Kommunikation der Klimavorteile nicht reicht, um die Wertschätzung in der Breite zu erhöhen. Sie kann aber eine Komponente sein, um eine positive Zukunftsvision der Landwirtschaft zu entwickeln, die ehrlich mit aktuellen Herausforderungen umgeht, Zielkonflikte klar benennt, aber dann auch sichtbar macht, wie Innovation Zielkonflikte in der Zukunft auflösen kann.

 

Welche Risiken oder unbeabsichtigten Nebenwirkungen könnte eine stärkere Ausrichtung der Agrarpolitik auf öffentliche Leistungen wie Klima- und Biodiversitätsschutz mit sich bringen?

Wir können zeigen, dass Maßnahmen zur Reduktion der Wirkungen auf Klima- und Biodiversität vor Ort, die gleichzeitig einen höheren Flächenbedarf mit sich bringen, aus globaler Sicht eine gegenteilige Wirkung zur Folge haben können. So hat beispielweise der Weizenanbau auf Hochertragsstandorten in Deutschland ohne Einsatz synthetischer Stickstoffdünger pro Produkteinheit die niedrigsten Produktionsemissionen. Bezieht man jedoch Kohlenstoff-Opportunitätskosten mit ein, ist die aus Klimaschutzsicht optimale Intensität auf diesen Standorten bei einem Düngerniveau von über 150 kg N/ha.

 

Welche weiteren Forschungsfragen oder nächsten Schritte wären aus Deiner Sicht notwendig, um den gesellschaftlichen Wert der Landwirtschaft noch umfassender zu erfassen?

Der Wert der Landwirtschaft umfasst alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit: Umwelt/Klima, Soziales und Ökonomie. Im Umweltbereich wurde der Ansatz der Kohlenstoff Opportunitätskosten kürzlich auch auf die Biodiversität übertragen; dies haben wir in unsere Berechnungen integriert. Biodiversität ist jedoch deutlich komplexer als Treibhausgasemissionen, da lokale und globale Wirkungen nicht direkt vergleichbar sind. Ähnliches gilt für Nährstoffeinträge und Pflanzenschutzmittel, für die bislang noch die wissenschaftliche Grundlage für ein globales Benchmarking wie im Klimabereich fehlt. Die ökonomische Dimension lässt sich mit den verfügbaren Daten gut abbilden, während bei den sozialen Wirkungen weiterhin erheblicher Forschungsbedarf besteht.

 

Triesdorfer Werkstattgespräche

Die Triesdorfer Werkstattgespräche sind eine lose Reihe von fachlichen Interviews an der Fakultät Landwirtschaft, Lebensmittel und Ernährung am Campus Triesdorf. Initiiert wurden diese von Prof. Dr. Klaus-Peter Wilbois, der auch zumeist die Interviews führt.

 

02.03.2026, Interview und Text: Prof. Dr. Klaus-Peter Wilbois